Katerchen Sternfänger - Zwei Leseproben
 

Im Land am Meer

Es ist dunkel geworden über der kleinen Stadt am Meer. Ich habe mir auf meiner Lieblingsmauer hoch über dem Strand ein schönes Plätzchen gesucht und starre nun in die Dunkelheit. Der Herbstwind ist immer noch warm, er streicht mir durch die Schnurrhaare und weht den Geruch des Meeres um meine Nase. Die Luft schmeckt salzig, ich mag es, wenn sie durch die feinen Härchen meines Fells streift.

Geregnet hat es heute nicht mehr, doch jetzt am Abend bedecken wieder schwere Wolken den Himmel. Seit zwei Wochen schon Regen und stürmischer Wind, der die Gischt der Wellen meterweit an den Strand trägt. Das Wetter sorgt für volle Cafés, doch es drückt auf die Stimmung der Menschen, die hier leben oder Urlaub machen. Sicher, auch hier am äußersten Rand des Kontinents regnet es schon mal, doch so schlimm wie in den letzten Monaten dieses Jahres war es nie zuvor.

Gestattet ihr, dass ich mich vorstelle? Ich heiße João, und ich bin ein Kater. Manchmal werde ich Katerchen genannt. Ein gewöhnlicher, grau getigerter Hauskater mit einem schönen weißen Latz und weißen Pfoten, einer silbernen Schwanzspitze und großen, goldgrünen Augen. Die Menschen mögen mich. Sie mögen mein glattes, seidiges Fell und meine samtigen Tatzen. Sie mögen es auch, wenn ich mich räkele und schnurre. Doch am meisten lieben sie es, wenn ich meinen Katzenrücken krümme, ihnen an den Beinen entlangschleiche und meinen kleinen Kopf sanft an sie drücke. Bei mir vertrauten Menschen mache ich das sehr gerne. Oft suche ich dann nur meine Streicheleinheiten, manchmal aber möchte ich sie einfach nur darauf aufmerksam machen, dass sie einmal mehr vergessen haben, meinen Napf zu füllen. Viele Menschen vergessen leider häufig die einfachsten Dinge.

Vielleicht solltet ihr wissen, dass wir Katzen sehr liebevoll und zärtlich, ungemein feinsinnig und, im Gegensatz zu vielen anderen Vierbeinern, hoffnungslos romantisch sind. Ich wage mit Stolz zu behaupten, dass ich ein besonders romantischer Vertreter meiner Art bin! Zumindest, es ist noch gar nicht so lange her, behauptete man das von mir.

Den ganzen Abend schon schaue ich immer wieder zum Himmel. Trotz der vielen Wolken versuche ich, einen Blick auf die dahinter liegenden Sterne zu erhaschen. Laut gelehrter Menschen soll es Tausende von Sternen geben, die in sternenklaren Nächten mit bloßem Auge zu erkennen sind, und dahinter sollen sich noch weitaus mehr verbergen. Doch so wie gestern und vorgestern und den Tagen davor ist auch heute Nacht der Himmel schwarz, kein einziges Funkeln erfreut meine Augen. Wenn ich nur könnte, so würde ich die Wolken beiseite schieben, doch allein mit meinen müden Pfoten und der Kraft meiner Gedanken schaffe ich es nicht. Das weiß ich natürlich, ich bin schließlich kein dummer Kater!
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Der Zirkus

Fröhlich liefen wir durch die engen Straßen der Großen Stadt, in die endlich Stille eingekehrt war. Die Ruhe der späten Stunden hatte sich mit der Wärme des Tages zu einem schönen Frühlingsabend vermischt. In prächtiger Stimmung alberten wir herum, Sternchen und ich tauschten ununterbrochen heimliche Blicke, Filou überhäufte Xara mit charmanten Aufmerksamkeiten, die sie sichtlich genoss.

„Inzwischen glaube ich die Geschichten, die man über dich erzählt, Filou“, hörte ich Xara sagen.
„Erzähl mal, was sagt man denn so über mich?“, fragte er.
„Ach, zum Beispiel, dass du einer der bekanntesten Kater der Umgebung bist.“
„Ja, ich bin wahrscheinlich wirklich ziemlich bekannt geworden in den letzten Jahren“, entgegnete er sichtlich zufrieden. „Na ja, dafür habe ich auch manchen Kampf ausgefochten. Es ist anstrengend, weißt du, wenn man die Nummer Eins sein will.“

Gekonnt streifte er sich mit einer Pfote die langen Haare aus den Augen. Er schaute von Xara zu Sternchen, dann wieder zurück und zeigte seine Zähne. „Und ich kann einfach nicht genug kriegen von, na, du weißt schon... wenn man einmal angefangen hat, möchte man immer mehr“, grinste er.

Etwas neidisch war ich schon. Filou hatte alles, was man sich vorstellen konnte, eine tolle Katzendame, ein schickes Zuhause, und wo er auftrat, blickte man zu ihm auf. Doch irgendwas stimmte hier nicht, ich kam nur nicht darauf, was es war. Ich nahm mir vor, Sternchen beizeiten danach zu fragen.

Die Straße verjüngte sich zu einem Weg, an dessen Ende wir vom Miauen unzähliger Katzen begrüßt wurden. Das war also die Überraschung: Der Zirkus war in der Stadt. Zirkuswagen in allen Größen und Farben parkten auf einer großen Wiese, in dessen Mitte sich die roten Masten der blauen Kuppel des Zirkuszeltes bis weit in den Himmel hinein erhoben. Über allem spannten sich blinkende Lichter in bunten Farben, Fahnen und Wimpel flatterten im sanften Wind. Im Inneren des Zeltes heizte eine Zirkuskapelle den Zuschauern mit lauten Trommeln und Trompeten ein, immer wieder unterbrochen von lauten Ahas und tosendem Applaus des Publikums.

Zwischen den Wagen feierten unsere vierbeinigen Artgenossen ihr eigenes Fest. Viele machten sich über die Reste des Futters ihrer großen Brüder, den Raubtieren, her. Andere hüpften in irren Verrenkungen auf einem Trampolin, wieder andere lagen faul im hohen Gras der Wiese, schnurrten und plapperten vor sich hin.

„Filou, das ist ja wohl wirklich mal... ’ne gute Idee gewesen“, staunte ich.
„Nicht wahr? Dieser Zirkus ist der Beste der Umgebung, hier ist alles nur vom Feinsten“, sagte er stolz.

Er deutete zum Dach des Elefantenwagens, auf dem ein stämmiger Kater inmitten einer Gruppe hübscher Katzen hockte. „Dieser dicke graue Perserkater dort oben ist der Anführer einer der größten Katzengangs der Stadt. Schaut euch ruhig um, ich werde ihm mal Hallo sagen.“ Mit der typischen Pfotenbewegung brachte Filou schnell sein Haar in Ordnung und verschwand in der Dunkelheit.

„Na, dann lasst uns mal sehen, was wir hier so alles erleben können.“ Sternchen, Xara und ich strahlten uns an, die ausgelassene Stimmung auf dem Zirkusplatz brachte uns vollends in Partylaune.

Nachdem wir uns satt gegessen hatten, spazierten wir staunend umher, beobachteten die Kunststücke der anderen Katzen, lauschten der immer schneller werdenden Musik der Zirkuskapelle und ließen uns treiben von einer Woge der Fröhlichkeit. Sternchen und Xara tuschelten unentwegt und rannten vergnügt über den Platz. Vor einem Zaun blieben sie stehen.

„Der Esel hat sicher etwas ausgefressen, seht nur, wie beleidigt er dreinschaut“, sagte Xara.
„Dabei ist er doch noch so klein“, sagte Sternchen und rüttelte am Tor des Gatters. „Hey, Eselchen, was ist denn los mit dir?“
Das Grautier würdigte uns keines Blickes, bockig drehte er uns sein Hinterteil zu und wackelte mit den langen Ohren.
Amüsiert blickte ich Sternchen an. „Na ja, kleine Esel können beizeiten bockiger sein als große, nicht wahr?“

Sternchen schnitt eine Grimasse, dann rannte sie Xara hinterher, die schon vor den Gitterstäben des nächsten Wagens stand.
Filou sahen wir anfangs kaum, er grüßte hier und schwätzte da, jeder schien ihn zu kennen. Ein paar der Katzen hatten es ihm besonders angetan, denn mit ihnen schnurrte er auffallend lange herum. Erst spät, übersprudelnd von vielen Neuigkeiten, die er uns mitteilen konnte, gesellte er sich zu uns. Nach einigen Minuten hatte er nur noch Augen für Xara, die seinen Geschichten entzückt lauschte.

Irgendwann bemerkte Sternchen meine vertraulichen Seitenblicke. Sie nickte mir verstohlen zu.
„João und ich drehen noch eine Runde über den Platz“, sagte sie und schob mich in Richtung des Zeltes. Xara und Filou wünschten uns viel Spaß und plapperten angeregt weiter.
„Ich finde es schön, dass die beiden sich so gut verstehen“, sagte ich.
„Ja, mit seinem Charme fängt Filou sie alle ein. Aber ich freue mich auch, denn so haben wir auch mal etwas Zeit für uns“, lächelte sie. „Deine Xara ist eine sehr liebe Katze, ich mag sie sehr.“
„Dann kann ich es dir jetzt ja sagen: sie mag dich auch sehr, das sagte sie mir noch vorhin.“

Wir schlüpften unter der Plane des Zirkuszeltes hindurch und kletterten die Ränge hinauf bis zur obersten Bank. Von hier aus bot sich uns ein fantastischer Blick über das Innere der Kuppel, in der Clowns und andere Artisten soeben ihre Zugabe gaben, bis sie alle ringsum durch die Manege liefen, kullerten oder stolzierten und Blumen und Konfetti ins Publikum warfen.

Ganz dicht hatten wir uns nebeneinander gesetzt, so nahe, dass die Härchen unseres Fells knisterten und ich Sternchens Wärme spürte. Fast glaubte ich, das Klopfen ihres Herzens vernehmen zu können. Es war die gleiche Verbundenheit, die wir schon auf der Lichtung im Alten Wald erleben durften. Schweigend schauten wir uns das große Finale an. Als das Licht erlosch und nur noch wenige Scheinwerfer auf die sich verbeugenden Künstler gerichtet waren, seufzte Sternchen und ließ langsam ihren Kopf auf meine Schulter sinken. Schnurrend erwiderte ich ihre Nähe und rieb mit meiner Schnauze an ihrem Hals entlang. Es war ein unbeschreibliches, ein glückliches Gefühl, Sternchen so nahe zu sein, mit nichts vergleichbar, was ich jemals zuvor verspürt hatte.
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